Die Holzschnitzerei

Es ist sehr schwierig festzulegen, zu welchem Zeitpunkt die Holzschnitzerei in Gröden aufgenommen wurde. Wahrscheinlich handelt es sich um eine Entwicklung, deren Ursprung auf den Beginn des 17. Jahrhunderts zurückgeht. Die erste Dokumentation geht auf das Jahr 1625 zurück und bezieht sich auf den Bildhauer Christian Trebinger, der sich, zusammen mit seinen Brüdern Bartholomäus, Dominikus und Anton, auf die Herstellung von geschnitzten Ziergegenständen, Bilderrahmen sowie Uhrenständer und Konsolenstützen spezialisiert hat. Mit ihnen hatte die bekannte Künstlerdynastie der Trebinger in St. Ulrich ihren Ursprung, während in St. Christina Melchior Vinazer der Stammvater einer weiteren Schnitzerdynastie war. Melchior Vinazer wurde am 11. September 1622 geboren. Er erlernte bei Meister Rafael Barath in der Nähe von Brixen die Bildhauerei und erhielt 1650 das Lehrzeugnis. Sechs von Melchiors Kindern wurden Bildhauer, einige davon perfektionierten ihre Technik in Städten wie Rom, Venedig und Wien. Zu dieser Zeit war die Holzschnitzerei in Gröden noch nicht weit verbreitet, und so ist die Entstehung und Entwicklung dieses traditionellen Grödner Handwerks der Verdienst dieser beiden Familien. Ihre Studien und ihre Perfektionierung bei Bildhauermeistern und an Kunstakademien waren maßgebend, um die kulturelle Identität des Grödner Handwerks zu definieren. Im Laufe der Jahre stieg die Anzahl an Bildhauern und in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts gab es schon 50 davon im Tal. Sie fertigten regelrechte Kunstwerke an, die vor allem für Kirchen bestimmt waren. Als den Einwohnern des Tales bewusst wurde, dass die Holzschnitzerei zu einer wichtigen Einnahmequelle werden könnte, entschlossen sich viele Bauernfamilien dazu, serienmäßig Holzfiguren anzufertigen, sowohl sakraler wie auch profaner Natur. Da sie nicht im Besitz eines Meistertitels waren, spezialisierten sie sich in der Herstellung von Spielzeug oder kleinen Krippenfiguren. Mit der Zeit stockte der Verkauf von Kunstwerken auf Bestellung, während der Export von Holzfiguren und Holzspielzeug auch über die Grenzen Tirols hinauswuchs. 1680 gingen die Exporte nach Venedig, Genua, Lissabon, Wien, Graz, Stuttgart, Düsseldorf, Köln, Frankfurt und in andere große europäische Städte. Im Jahr 1788 folgte eine kurze Krise, die von der österreichischen Regierung ausgelöst wurde: Ein Dekret aus Innsbruck besagte nämlich, dass die Zahl der Bildhauer von 300 auf 150 gesenkt werden müsse, um den Raschötzer Wald zu schützen, der in den vorangegangenen Jahren wahllos abgeholzt worden war. Die Grödner waren überrascht und empört. Die Gemeinde St. Ulrich reagierte mit dem Vorschlag, dass die Bildhauer das Holz, das sie für ihre Arbeit brauchten, selbst bezahlen sollten, und dass dafür das Dekret zurückgezogen werden sollte. So geschah es dann auch, da diese Idee sehr gut ankam. Am Ende des 18. Jahrhunderts war die Herstellung von Holzspielzeug, in Ladinisch chiena genannt, die wichtigste wirtschaftliche Tätigkeit des Gebietes. Leider gibt es nur wenige Unterlagen aus dieser Zeit, um nachvollziehen zu können, wie man überhaupt auf die Idee kam, Spielzeug herzustellen. Eine mögliche Antwort darauf könnte sein, dass die Grödner wegen der ständigen Migrationen die Möglichkeit hatten, das Spielzeug kennenzulernen, das in den benachbarten Regionen angefertigt wurde.